• Daniela

Angst transzendieren.

Vielleicht gelingt es uns irgendwann, unser Leben nicht von Ängsten beherrschen zu lassen. Mit Freude und Neugierde das Unbekannte anzunehmen. Zu Feiern, zu Lieben und zu Leben.


Eine diffuse Angst hat die Welt in den letzten Wochen gelähmt. Angst vor einer unbekannten winzigen organischen Struktur. Etwas, was die Welt so noch nicht gesehen hat. Die Unsicherheit vor diesem Unbekannten hindert uns daran, Feste zu feiern, zusammen zu kommen, uns zu umarmen. Unser Leben zu Leben.


Abinivesha – die Angst vor dem Unbekannten

Patanjali lehrt uns bereits in seiner zweiten Sutra das Ziel der Yoga-Praxis: Yogas citta vritti nirodhah (I.2). Ein klarer Geist, dessen Gedanken zur Ruhe gebracht sind. Negative mentale Zustände hindern uns daran, diesen Zustand zu erreichen. Lähmen den Geist, mit Klarheit wahrzunehmen und zu entscheiden. Abinivesha (II.9) ist das letzte der fünf Hindernisse (Kleshas, II.3), die uns auf dem Weg zu diesem Ziel im Weg stehen. Abinivesha bedeutet so viel wie Angst vor dem Unbekannten. Es ist eine Unsicherheit, ein Gefühl von Angst vor dem, was kommt. Diese Angst mag einen erkennbaren Grund in der Vergangenheit haben. Sie mag auch komplett irrational sein, mag nur auf einer Annahme basieren, dass etwas schiefgehen könnte. Abinivesha mag sich auf den Tod als die große Unbekannte in unserem Leben beziehen. Doch Abhinivesha wirkt auch im täglichen Leben. Jeden Tag aufs Neue, sind wir Veränderungen ausgesetzt. Diese Veränderungen machen uns zuweilen Angst.


Wir entwickeln Gewohnheiten, die uns ein Gefühl von Sicherheit und Stabilität vermitteln. Gewohnheiten helfen uns, mit den Unwägbarkeiten des Lebens umzugehen. Selbst unser Gehirn strebt danach, alles zu routinisieren. Gewohnheiten navigieren uns durchs Leben. Zwischen 30 und 50 Prozent unseres täglichen Handelns werden durch Gewohnheiten bestimmt. Ohne sie wäre unser Gehirn überfordert. Und genau das macht es uns so schwer, Neues auszuprobieren. Uns auf das Unbekannte einzulassen. Sigmund Freud brachte den Wiederholungszwang zeitweise sogar mit dem Todestrieb in Zusammenhang – dem Tod, vor dem wir uns doch so sehr fürchten.


Letztendlich treibt uns die Angst vor dem Unbekannten in die Starre und lähmt uns.


Emotionen sind in unserem Körper gespeichert

Angst entsteht wie auch alle anderen Emotionen im Limbischen System – unserem „emotionalen Gehirn“. Trotzdem haben unsere Emotionen eine körperliche Dimension. Auch unsere Sprache bringt diese Verbundenheit von Körper und Geist zum Ausdruck. Die Angst kann uns sprichwörtlich die Kehle zuschnüren. Selbst die Herkunft des Wortes beruht auf der körperlichen Dimension. Angst kommt vom indogermanischen "anghu" (beengend) und ist verwandt mit dem lateinischen "angustia" (Enge).

Es existiert eine Verbindung zwischen bestimmten Emotionen und Körperbereichen, in denen die Emotionen spürbar werden. Angst ist in der Traditionellen Chinesischen Medizin dem Nieren- und Blasen-Meridian zugeordnet. Meridiane sind Energielinien in unserem Körper, die jeweils einem Organpaar zugeordnet sind. Die Nieren sind die Wurzeln des Lebens. Der Nierenmeridian trägt das Potential für unsere Lebendigkeit und Vitalität in sich. Der Blasen-Meridian ermöglicht es uns, in Kooperation mit der Niere, kraftvoll aufzutreten und uns an die Bedingungen des Lebens anzupassen. Wir verfügen über genügend Ressourcen, um mit Veränderungen und Anforderungen gelassen und ruhig umgehen zu können.


Blasen- und Nieren-Energie arbeiten entsprechend eng zusammen. Der Nieren-Meridian verläuft von der Fußsohle über das Bein zur Leistenbeuge bis hoch zum Schlüsselbein. Der Blasen-Meridian zieht vom Kopf nach unten zum Fuß. Im Yoga können wir ganz bewusst bestimmte Positionen (Asanas) einnehmen, um die Meridiane, in denen diese Lebensenergie fließt, zu stimulieren. Über die Stimulation können wir psychische oder emotionale Blockaden auflösen.

Yin-Positionen, in denen die gesamte Beinlänge und Außenseite der Hüften angesprochen werden, wie der Drache (Utthan pristhasana), der Schwan (Kapotanasana), die Doppelte Taube (Agnistambhasana) oder die Libelle (Upavistha Konasana), können Ängste, die tief in unserem Bindegewebe gespeichert waren, hervortreten lassen. Sie können uns gleichzeitig helfen, die Lebensenergie, die wir durch verdrängte Ängste verloren haben, wiederzufinden.


Yoga kann uns helfen, Veränderungen anzunehmen und uns nicht vor ihnen zu verstecken.


Wahrnehmen und Beobachten

Emotionen existieren in uns, um uns zu schützen, um uns zu heilen und um an ihnen wachsen zu können. Emotionen, auch augenscheinlich negative, sind nicht inhärent schlecht. Und auch Angst hat durchaus ihre Berechtigung und bisweilen eine Schutzfunktion. Es mag einen Grund geben warum wir Angst haben. Vielleicht haben wir Erfahrungen gemacht und die Angst hindert uns daran, diese Erfahrungen zu wiederholen. Vielleicht aber auch nicht.

Was auch immer der Grund sein mag: Angst ist wie jede andere Emotion nichts, was wir verdrängen sollten, wenn wir sie spüren. Oft hören wir in Yoga-Klassen, dass wir unsere Körperempfindungen beobachten und nicht werten sollen. Das mag auf den ersten Blick nicht greifbar sein. Doch genau darum geht es: zum Beobachter/zur Beobachterin unseres Selbst zu werden. Aufmerksam sein und unseren körperlichen, mentalen und emotionalen Empfindungen mit Gleichmut gegenübertreten. Achtsam sein und wahrnehmen, was passiert. Genau dort, wo wir die Emotion spüren. Wo kommt die Angst her? Was löst sie aus? Wo spüre ich sie? Wie gehe ich damit um? Atme ich noch? Was macht mein Herz? Wo halte ich fest? Beobachten, ohne zu versuchen, zu verändern. Aber auch ohne wegzurennen, ohne zu verzweifeln.


Unser Leben ist im ständigen Wandel. Kein Moment ist wie der nächste. Jeder einzelne Augenblick ist einmalig. Uns an Gewohnheiten festzuhalten, aus einer Angst vor dem Unbekannten, lähmt uns. Hindert uns daran, den Moment, das Leben, zu leben.


Für Patanjali ist die Angst vor dem Unbekannten das größte Hindernis, das es zu überwinden gilt. Vielleicht gelingt es uns irgendwann, uns als Individuum und als Gemeinschaft nicht länger von unseren Ängsten leiten zu lassen. Unser Leben nicht von Ängsten beherrschen zu lassen. Mit Freude und Neugierde das Unbekannte anzunehmen. Zu Feiern, zu Lieben und zu Leben.


Angst transzendieren. Philosophie-Kommentar im April 2020 für Bali Yoga Wien.

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