• Daniela

Dialog: Ethnocineca. Die Quelle unserer Kraft.

Wie gestaltet sich das fragile wechselseitige Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur in Zeiten von politischen Umbrüchen, Klimawandel und Kapitalakkumulation?


Zum zweiten Teil der dreiteiligen Programmreihe „Dialog: Ethnocineca“ stand beim Open Air Kurzfilmfestival dotdotdot am 4. August 2020 im Volkskundemuseum in Wien alles unter dem Motto „The source of our strength“ (dt. „Die Quelle unserer Kraft“).

Im Mittelpunkt stand das fragile wechselseitige Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur in Zeiten von politischen Umbrüchen, Klimawandel und Kapitalakkumulation. Schwerpunktthemen der gezeigten Kurzfilme waren „Ressourcen“ und „Resilienz“.


Wassermangel: Der Kampf gegen den Fluch der Wüste.

Wasser ist eine der wichtigsten Ressourcen, die unseren Planeten bewohnbar macht. Im Film „Laatash – Thirst“ (dt. „Durst“) porträtiert Regisseurin Elena Molina Frauen, die sich in der Wüste von Westsahara, in einem Gebiet, in dem bis dahin niemand überleben konnte, ein neues zu Hause geschaffen haben. Die Frauen gehören zum Volk der Sahrawi, deren Angehörige durch den Westsaharakonflikt mit Marokko großteils aus ihrer Heimat fliehen mussten. Tag für Tag kämpfen sie in der Wüste von Westsahara gegen den „Durst der Hamada“, den Fluch der Wüste: Sie koordinieren die Wasserbeschaffung, verteilen das Wasser in unterschiedlichen Flüchtlingslagern und machen so ein Leben in der Wüste für viele Menschen erst möglich.


Jeden einzelnen Tropfen dieser kostbaren Ressource, die sie am Leben hält, verteilen sie sorgsam.


Es sind starke Frauen. Doch sie alle sehnen sich nach der Unabhängigkeit der Westsahara von Marokko. „Wer an seine Zukunft nicht mehr zu glauben vermag, der gibt auf“ hat Viktor Frankl gesagt. Es scheint diese Hoffnung auf eine Zukunft in ihrer Heimat zu sein, die die Frauen stärkt, weiter zu machen.


Zugang und Ausschluss von Wasser.

Gesellschaft und Natur konstituieren sich gegenseitig. In „Beyond the Glacier“ (dt. “Jenseits des Gletschers“) zeigt David Rodríguez Muñiz eindrucksvoll was passiert, wenn dieses Verhältnis aus den Fugen gerät, wenn der Hunger nach Gold traditionellen Fischern ihre Lebensgrundlage nimmt – Wasser.


Wasserknappheit wird eines der drängendsten Probleme der Zukunft sein.


Mit dem Untertitel „Anmerkungen zu Wasserkonflikten“ wirft der Film Fragen nach dem Zugang zu und dem Ausschluss von natürlichen Ressourcen auf. Damit erinnert „Beyond the Glacier“ auch an die Geschäfte des Schweizer Nestlé-Konzerns, der in Ländern wie Pakistan Grundwasser abpumpt und dann in Plastikflaschen mit Mineralien und Salzen angereichert verkauft. Wasser wird, wie auch andere Ressourcen der Erde, immer mehr zu einer Ware mit ökonomischem Wert – einer Ressource, die kapitalistischer Inwertsetzung und Verwertung unterworfen wird.

Inwieweit bestehende Machtverhältnisse bereits in die netzgebundene Wasserversorgung eingeschrieben sind, zeigt sich auch an der Wasserversorgung in Guayaquil, Ecuador. Weil die ärmsten Stadtteile nicht an das Wassernetz angeschlossen sind, werden sie von privaten (meist männlichen) Wasserverkäufern per LKW mit schlechterem Wasser versorgt. Die (meist weiblichen) Käuferinnen müssen oft lange auf die Wasserlieferungen warten. Eine Tätigkeit außerhalb der eigenen vier Wände rückt dadurch für Frauen in weite Ferne. Über die ungleich verteilten Zugangschancen werden ungleiche Geschlechterverhältnisse weiter verstetigt.


Ein Leben in der Vergangenheit.

In „Planet Gelnica“ gibt Paula Reiselová einen Einblick in eine Lebenswelt, die zunächst nicht viel Hoffnung verspricht. Die ehemaligen Minenarbeiter der einstigen Bergbaustadt Gelnica in der Slowakei schwelgen seit dem Verschwinden des Bergbaus nostalgisch in Erinnerung an bessere Zeiten. Von Geburt an gab es für sie nur eine Option: das Leben und Arbeiten in und mit der Mine. Sie wissen, dass sie nicht in die Vergangenheit reisen können – aber die Gedanken daran, die lassen sie sich nicht nehmen. Also holen sie sich ihre Vergangenheit mit an den Kölner Karneval erinnernden Feiern inklusive Bier, Uniform und Blasmusik zurück. Ihr Humor ist eigen, aber mitreißend. Es scheint, als ob gerade dieses gemeinsame Zelebrieren der Vergangenheit vielen ihre verloren geglaubte Identität zurückgäbe.


Wir warten darauf, bis die Toten kommen.

Auch Steph Beeston zeigt in “Those who wait“ (dt. „Diejenigen, die warten“), eine für viele zunächst unbekannte und wenig heitere Lebensrealität: ein Leben inmitten von Toten. Tony Bacalso verdient auf dem Nordfriedhof von Manila, Philippinen, seit über 30 Jahren seinen Lebensunterhalt mit der Organisation von Begräbnissen und Grabpflege. Der Alltag ist hart, das Geld ist knapp und wenn die Kinder krank werden, muss sich Tony Geld leihen. Doch das Leben auf dem Friedhof scheint alles andere als traurig zu sein: Kinder rennen umher, es wird gelacht, gekocht und musiziert.


In einer Gesellschaft, in der der Tod weitgehend tabuisiert wird, ist dieser unverkrampfte Umgang mit dem Thema schön anzusehen.


Tonys eigene Tochter ist mit 15 Jahren gestorben. Er sagt, er hat sich mit seiner Situation abgefunden und wenn er einmal stirbt, dann wird Gott ihm, weil er ein guter Mensch war, einen schönen Platz bereithalten. Er habe Glück, meint er: seine Familie wird dann nicht das Gefühl haben, dass er weg ist, weil er weiterhin bei ihnen auf dem Friedhof sein wird.


Was ist also die Quelle unserer Kraft? Woher nehmen wir unsere Ressourcen? Und was, wenn uns diese Ressourcen versiegen? Die Kurzfilme zeigen ganz unterschiedliche Lebensrealitäten auf. Gleichzeitig machen sie deutlich:


Die Quelle unserer Kraft liegt in der Natur. Ihre Ressourcen sind unsere Lebensgrundlage.


Wie auch immer wir damit umgehen, wenn uns diese Quelle versiegt oder genommen wird – ob wir auf die Zukunft hoffen, in Gott vertrauen oder der Situation mit Humor begegnen – Resilienz, diese für die Natur so essenzielle Eigenschaft, findet sich auch in uns wieder.


Fotos: Peter Griesser © dotdotdot


Filmrezension für das Paulo Freire Zentrum

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