• Daniela

Filmrezension: Das neue Evangelium.

„Das neue Evangelium“ ist ein Manifest für die Opfer des westlichen Kapitalismus, für entrechtete Migrant*innen aus Afrika, die sich in Italien als illegale Feldarbeiter*innen verdingen.


In einer Mischung aus Dokumentation, Spielfilm und politischer Aktionskunst inszeniert Milo Rau die Passion Christi im heutigen Italien neu. Der Schweizer Regisseur und Autor ist bekannt für seine politisch umstrittenen und dokumentarischen Aufführungen. Sein Projekt „Orestes in Mossul“ etwa brachte Rau im Frühjahr 2019 in der ehemaligen Hochburg des IS auf die Bühne. Im Falter-Radio Gespräch erklärte er damals: „Theater muss dort stattfinden, wo das Drama ist“.

Und so verwundert es nicht, dass Raus neuer Film in der süditalienischen Stadt Matera spielt.


Was bleibt vom „Ja“ zur Solidarität mit den Vertriebenen?

Die 2019 zur Kulturhauptstadt Europas ernannte Kleinstadt Matera bildet eine der berüchtigten Außengrenzen Europas. Geflüchtete ohne Aufenthaltserlaubnis leben in Lagern rings um die Stadt und halten sich mit der Arbeit als illegale Erntehelfer über Wasser.

Was also bleibt in Europa, angesichts der anhaltenden Migrationsbewegungen, von Jesus Lehre? Vom „Nein“ zum System von Imperialismus und Ausbeutung und vom „Ja“ zur Solidarität mit den Vertriebenen?


An der Solidaritätsfront jedenfalls scheinen jegliche Werte und Würde verloren gegangen zu sein.


Während nach der Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos erneut eine Debatte über die Verteilung von Geflüchteten in Europa entbrannt ist, werden Kinder, die wegen des Brands in das neue Lager Kara Tepe gebracht wurden, von Ratten gebissen.

Was ist geworden aus der Würde jener Menschen, die in den Lagern bleiben müssen? Was aus der Würde jener, die aus Angst vor „Kettenreaktionen“ hart bleiben? Die, wie der Protagonist des Films sagt, sich „als Christen ausgeben, aber Geflüchtete ablehnen, die unsere Hilfe suchen“?


„Die Welt nicht darstellen, sondern verändern.“

Für das Genter Nationaltheater hat Rau ein Theatermanifest erstellt. Sein erstes Gesetz lautet: „Das Theater soll die Welt nicht darstellen, sondern verändern.“ Und das hat Rau mit seinem Filmprojekt bereits mit Drehschluss geschafft.


Mit seinem Jesusfilm inszeniert Rau eine "Revolte der Würde".


Der politische Aktivist Yves Sagnet, in der Hauptrolle als Jesus, kämpft gemeinsam mit seinen Jüngern – jenen Männern, die auf den Tomatenfeldern rund um Matera „wie Sklaven behandelt“ werden – für das Recht auf Selbstbestimmung und gegen die Ausbeutung auf den Feldern. Sagnet selbst hat vor seinem Studium in Italien als Feldarbeiter gearbeitet und mit eigenen Augen Demütigung und Entwürdigung miterlebt. Mit den Stilmitteln eines Making-of gelingt Rau die Verschmelzung von politischer Kampagne und Film und zeigt zugleich die Widersprüche des modernen Europa auf.


Der Film macht deutlich, dass eine solche Emanzipationsbewegung viele Rückschläge mit sich bringt: die anfangs verzweifelt wirkenden Märsche durch die Lager, um Anhänger*innen zu finden, Gegendemonstrationen, Vertreibungen, die Versuche, im öffentlichen Raum gehört zu werden. Doch er zeigt auch, dass der gemeinsame Kampf gegen Ungerechtigkeit wirkt: Rund um Matera wurden sogenannte „Häuser der Würde“ gegründet: Häuser, in denen die nach der polizeilichen Räumung der Lager obdachlosen Statist*innen des Films mit Unterstützung der Kirche selbstbestimmt leben können. Mit der Crowdfunding-Kampagne „Houses of Dignity“ (dt. Häuser der Würde“) werden vier Projekte, die Teil des Filmprojektes waren, weiter unterstützt. Es sind Initiativen, die für eine selbstbestimmtere Arbeits- und Lebenssituation und für soziale und ökologische Gerechtigkeit der Migrant*innen in Süditalien eintreten.


Volle Supermarktregale, leere Taschen.

Raus Kritik an einer ungerechten Weltordnung, in der Europa eine zentrale Rolle spielt, wird auch bei einem Blick nach Österreich Rechnung getragen. Während die jungen Männer aus Afrika in Matera für 30 Euro am Tag „für das Wohl der italienischen Bevölkerung“ arbeiten, sind es in Österreich Erntehelfer*innen aus Osteuropa, die die Supermarktregale füllen.

Auf den Spargelfeldern Österreichs werden pro Saison rund 14.000 Erntehelfer*innen benötigt. Die Arbeitskräfte kommen meist aus Tschechien, der Slowakei, aus Ungarn, Rumänien und der Ukraine. Der Mindestlohn beträgt rund 13 Euro brutto pro Stunde. Die Spargelbäuer*innen können keine höheren Löhne zahlen, weil mit dem Lebensmitteleinzelhandel fixe Preise ausgemacht sind. Was das für die Supermarktregale bedeutet, wurde nicht zuletzt evident, als die Aushilfskräfte aus dem Ausland wegen der Corona-bedingten Grenzschließungen nicht mehr nach Österreich kommen konnten.


Milo Raus Jesusfilm ist ein politisches Statement für Solidarität, für Pluralität und Diversität.


Das Gute Christentum?

Seinen Cast hat der Regisseur aus einem Laienensemble zusammengestellt, hervorgegangen aus einem Casting vor Ort: Geflüchtete, Aktivist*innen und Bürger*innen kämpfen gemeinsam mit Schauspieler*innen Seite an Seite für das Recht aller Menschen, in Legalität zu leben. Sagnet ist der erste schwarze Jesus in der europäischen Filmgeschichte, viele seiner Jünger sind muslimischen Glaubens und auch weibliche Apostel sind zu sehen. „In einer Zeit, in der Religion immer noch als Instrument der Diskriminierung und für üble politische Agenden benutzt wird, erscheint mir ein Projekt wie dieses wahrhaft wichtig“, so Sagnet in einem Interview. Wer aufhöre, die Ungerechtigkeiten der Welt zu verurteilen, dem drohe der Abstieg in die Barbarei.


Die sogenannte „Festung Europa“, deren Bewohner*innen sich ihrer Aufgeklärtheit, Zivilisiertheit und Moral rühmen, ist längst zum Symbol einer unmenschlichen Flüchtlingspolitik geworden. Angesichts der jahrhundertelangen Bedeutung des Christentums für das europäische Bewusstsein, stellt sich die Frage: Wer sind die Barbaren, vor denen wir uns fürchten?


Projekte des Widerstands.

Mit seinem „neuen Evangelium“ fordert Rau nicht nur die italienische Regierung, sondern auch die Flüchtlingspolitik der EU heraus. Und der Theatermacher arbeitet bereits an seinem nächsten „Akt des Widerstands“: eine europäisch-brasilianischen Neuinszenierung der Antigone mit indigenen Schauspieler*innen und Aktivist*innen. Mit der "Antigone im Amazonas" klagen sie die brasilianische Regierung und mit ihr die Zerstörung des Amazonas an.


Hinweise.

„Das neue Evangelium“ ist in Deutschland und Österreich digital verfügbar. Wer ein Online Ticket kauft, kann gleichzeitig ein Kino auswählen, das am Erlös mit 30 Prozent beteiligt werden soll.


Fotos © Armin Smailovic


Filmrezension für das Paulo Freire Zentrum

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