• Daniela

„Ich heiße Wien und bin aus Peking“: Leben in einer Zwischenwelt.

Weiyena – Ein Heimatfilm ist die persönliche Annäherung der jungen Filmemacherin Weina Zhao an die traumatischen Erlebnisse ihrer Familie im China des 20. Jahrhunderts. Es ist der Versuch, jahrelanges Schweigen zu brechen, um ihre eigenen Wunden zu heilen.


Im Chinesischen kann man das Wort „Familie“ nicht vom Wort „Heimat“ trennen. Ihre Heimat ist Weina fremd. Ihre Familiengeschichte kann sie nicht verstehen, weil sie keine „richtige“ Chinesin ist.

Die Regisseurin und Protagonistin Weina Zhao wurde 1986 in Peking geboren. Als ihre Eltern nach Österreich auswanderten, nannten sie ihre Tochter „Wien“. Aufgewachsen ist Weina zwischen zwei Welten, zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen. Die Idee zu einer Dokumentation kam ihr, weil sie die Erzählungen ihres Großvaters aufzeichnen wollte, aber nicht wusste, in welchem Rahmen. Herausgekommen ist ein Familienporträt, erzählt aus Weinas Blickwinkel, das die Vergangenheit ihrer Familie beleuchtet.

Weina ist nicht nur neutrale Interviewerin, sie ist selbst im Film zu sehen, nimmt an den Familiengesprächen teil, ist gleichzeitig Beobachterin und scheint über die Gespräche vor allem sich selbst besser kennen zu lernen. Making-Off-Szenen unterstreichen die persönliche Herangehensweise der Filmemacherin an die Vergangenheit ihrer Familie.

Der Dreh außerhalb der eigenen vier Wände der Verwandten in China wurde im Laufe der Jahre für das Team um Weina immer schwieriger. Ein Großteil der Interviews und Alltagssituationen musste in den Innenräumen gefilmt werden. „Wie dicht dieses Überwachungsnetz ist, ist mir erst beim letzten Mal aufgefallen“, sagt Weina in einem Interview.


Intime Fragen werden als Spiel getarnt.

In den traumatischen Erzählungen ihrer Großeltern, vermischen sich persönliche Schicksale und polit-historische Ereignisse Chinas von der japanischen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs bis zur Kulturrevolution unter Mao Zedong.

Die Eltern ihres Vaters sind im Norden Chinas auf dem Land aufgewachsen, miteinander gesprochen wurde in diesem Teil der Familie wenig. Weina, die die Interviews mit ihren Großeltern selbst führt, traut sich erst nach und nach schwierige Themen anzusprechen. Als Familienmitglied darf Weina keine Gefühle zeigen. Kamerafrau Judith Benedikt kommt hier eine besondere Rolle zu: Die Kamera erlaubt es Weina in ihrer Rolle als Regisseurin, Fragen zu stellen, die sie sonst nicht stellen würde, intime Fragen werden als Spiel getarnt.


Was sie findet, sind lange verschwiegene Familientraumata.


Weder war ihr bewusst, dass ihre Großmutter nach der Befreiung von den japanischen Besatzern Gewalt an Familienmitgliedern miterleben musste, noch, dass ihr Großvater seine Heimat durch das Erdbeben von Tanshan 1976 vollständig verloren hatte. Seine Heimat ist ihm heute so fremd, wie Weina ihre eigene.


Eine Reise in die Vergangenheit – und zu sich selbst.

Während im Norden geschwiegen wurde, ist im Süden durch das andauernde Reden viel untergegangen. Die Familie von Weinas Mutter war von den Verfolgungen während der Kulturrevolution besonders betroffen. Als Filmemacher*innen gehörten sie zur Gruppe jener Kunst- und Kulturschaffenden, die neben Intellektuellen, Akademiker*innen und Kapitalist*innen im Sinne einer Neugestaltung der Gesellschaft beseitigt werden sollten. Die Erzählungen über ihren Urgroßvater, einstiger Pionier der chinesischen Filmgeschichte, nehmen im Film eine bedeutende Rolle ein, auch wenn dieser selbst nicht mehr am Leben ist. Als geheimes Mitglied der kommunistischen Partei verhalf er Mao an die Macht. Mit dem Ausruf der Kulturrevolution wandte sich das Blatt: er wurde verfolgt und ist als Folge davon 1967 an einem Herzinfarkt gestorben.

Auch ihr Großvater wurde ein Jahr verfolgt und saß im Gefängnis, ihre Großmutter war vier Jahre lang in Isolationshaft. Geschichten, die ihr ihre Mutter nie erzählt hat. Genauso wenig wie ihr eigenes Leiden als 12-Jährige, die alleine zurückgelassen wurde.


„Mein ganzes Leben hat mich meine Mutter vor diesen Erinnerungen beschützt – und geschwiegen. Aber ich weiß, dass ihre Verletzungen auch in mein Leben hineinreichen. Ich trage ihre Wunden in meinem Körper.“


Wozu das alles?

Während der Dreharbeiten sieht sich Weina immer wieder mit Zweifeln konfrontiert. Mit den schmerzvollen Erinnerungen sind mehr und mehr Widersprüche aufgekommen. Sich selbst erkennt Weina als Summe dieser Widersprüche, als Teil des transgenerationalen Traumas bestehend aus Kriegen, Hoffnung, Träumen und Überlebenswillen.

Die Qualen ihrer Familie kann sie erst durch die Übersetzung ins Deutsche begreifen. Gleichzeitig ermöglicht ihr die deutsche Sprache Abstand. Weina hat sich entschieden, ihrer Familiendokumentation eine Off-Stimme zu geben. Sie selbst spricht diese Off-Stimme, um sich, wie sie sagt, „von den Einwirkungen meiner Familie, insbesondere meiner Mutter, zu befreien“.


Vergangenheitsbewältigung und nationale Erinnerungskultur.

Mit ihrer Dokumentation werfen die Regisseurinnen Fragen nach dem Umgang einer Gesellschaft mit ihrer Geschichte auf. Während die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus einen zentralen Bestandteil des europäischen Geschichtsbewusstseins darstellen, bleibt die chinesische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts weitgehend unbekannt. Durch die Verbindung von zeithistorischer Dokumentation und persönlicher Vergangenheitsbewältigung schaffen Weina Zhao und Judith Benedikt ein Bewusstsein für transgenerationale Traumata innerhalb der chinesischen Kulturgeschichte und spannen einen Bogen zur österreichischen Geschichte. Die Regisseurinnen wollen mit ihrer Dokumentation das Publikum zum Nachdenken darüber anregen, wie in der eigenen Familie mit der Vergangenheit umgegangen wird:


„Wer waren die Täter, wer die Opfer? Was ist verschwiegen worden?“


Kinostart in Österreich am 7. Mai 2021

Fotos © L & P


Filmrezension für das Paulo Freire Zentrum

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