• Daniela

Kollektive Amnesie: Vom Verschweigen und Aufarbeiten traumatischer Vergangenheiten.

Kollektives Vergessen verhindert eine Aufarbeitung traumatischer Vergangenheiten. Und noch heute stellt sich die Frage: Was wollen wir nicht sehen? Was verschweigen und verdrängen wir?


Das Weltmuseum thematisiert vom 8. Oktober 2020 bis 3. April 2021 das systematische Verschweigen und Vergessen von nationalen traumatischen Vergangenheiten: Kolonialismus in Belgien, Antisemitismus und Holocaust in Österreich sowie der Genozid während des Bosnienkrieges im ehemaligen Jugoslawien.


Die Ausstellung „Geschichten traumatischer Vergangenheiten – Gegenarchive künftiger Erinnerungen“ ist das Ergebnis des FWF Forschungsprojekts „Genealogie der Amnesie“ an der Akademie der bildenden Künste Wien.


„In Österreich unterdrücken wir die Erinnerung bewusst“.

Die Arbeiten der Gruppenausstellung gehen über Praktiken des kollektiven Vergessens hinaus. Gezeigt werden künstlerische Positionen, die Gegenerzählungen zu Prozessen des Vergessens schaffen. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurde das Online-Videoarchiv „Kampf gegen die Genealogie der Amnesie“ entwickelt. Die im Archiv gezeigten Positionen sind nicht grundlegend neu. Dennoch führen sie vor Augen, dass die vorherrschende „kollektive Amnesie“ eine Aufarbeitung der verursachten Genozide verhindert. So meint etwa Benjamin Grilj: „In Österreich unterdrücken wir die Erinnerung bewusst. Amnesie bedeutet, sich nicht erinnern zu können; aber die Österreicherinnen und Österreicher haben sich immer erinnert, und wussten auch immer über ihre Schuld.“


Und er hat Recht. Die in Österreich noch heute weit verbreitete „Opferthese“ ist das Ergebnis einer Intervention des damaligen Außenministers Figl, der die Mitverantwortung Österreichs am Zweiten Weltkrieg kurz vor Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955 aus der Präambel streichen ließ, sodass schließlich nur noch von der gewaltsamen Annektierung Österreichs durch Hitler-Deutschland die Rede war. Erst 1986 wurde das Tabu gegen die Anerkennung der Mitverantwortung Österreichs mit der Aufdeckung der Kriegsvergangenheit Kurt Waldheims öffentlich in Frage gestellt.


Denkmalsturz auch in Wien?

Auch der von den USA ausgegangene Sturz von Denkmälern hat in Österreich wenig Anklang gefunden. Allein die „Schandwache“ im Oktober diesen Jahres beim Karl-Lueger Denkmal in Wien hat die Öffentlichkeit für ein paar Tage interessiert. Die Statue, errichtet 1926, erinnert an den 1910 verstorbenen einstigen Bürgermeister Wiens. Er machte den Antisemitismus in Österreich salonfähig. Das Denkmal wurde wiederholt mit Parolen wie „Schande“ beschmiert, dazu hielten unterschiedliche Organisationen Wache. Die Forderungen an die Stadt, sich klar zu einer Umgestaltung des Denkmals sowie einer Umbenennung des Lueger-Platzes zu bekennen, blieben bisher unbeantwortet.


Entwicklungsprojekte als Gutmachung für Völkermorde.

Auch in Belgien zeugen zahllose Denkmäler im öffentlichen Raum von der nicht aufgearbeiteten Politik des für den Genozid im heutigen Kongo verantwortlichen König Leopold II. Einst für seine Politik verschmäht, verschwanden nach der Übernahme der königlichen Privatkolonie durch den belgischen Staat die „Kongogräuel“ aus dem öffentlichen Bewusstsein. Der König und später der belgische Staat etablierten ein System, das Lebensformen, Gedanken und Geschichten der Kongoles*innen zerstören sollte. Stattdessen wurde ihnen das Christentum und westliche Werte aufgezwungen. Die in Brüssel geborene Monique Mbeka Phoba verarbeitet diese systematische Zerstörung von Wissen und die Rolle von Bildungsinstitutionen in ihrem Kurzfilm Schwester Oyo (2014).


Noch heute herrscht in Belgien das Bild vor, dass dem Kongo durch die Kolonisierung Wohlstand und Modernität gebracht wurde.


Nur langsam wächst das Bewusstsein für die dunkle koloniale Vergangenheit.


Erste Universitäten entfernten im Sommer Büsten des Monarchen aus ihren Räumen und Zehntausende unterzeichneten die Petition eines 14-Jährigen, der forderte, alle öffentlichen Standbilder Leopolds abzubauen. Von Seiten Belgiens gibt es bis heute kein offizielles Eingeständnis der Massaker im Kongo.


Ähnliches passierte in Deutschland, denn der im Namen des Deutschen Kaiserreichs verübte Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, dem heutigen Namibia, geriet nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs in Vergessenheit. Erst 2015 sprach das Auswärtige Amt von Kriegsverbrechen und Völkermord. Dennoch: Berlin lehnt eine Zahlung von Reparationen an Namibia kategorisch ab. Als Wiedergutmachung wird lediglich mehr Geld für Entwicklungsprojekte angeboten.


Nichts hören und nichts sehen.

Während der Belagerung von Sarajevo im Bosnienkrieg war die Hoffnung weit verbreitet, dass Bosnien und Herzegowina, aufgrund seiner Lage im Zentrum Europas, von der internationalen Gemeinschaft gerettet werden würde. Die Klanginstallation von Lana Cmajcanin und Adela Jušić mit dem Titel „Gutenachtgeschichten, 2011“, erinnert daran, dass der Westen es vorzog, nicht zu hören und nicht zu sehen, was dort in unmittelbarer Nähe geschah. Auch heute schaut Europa lieber weg als zu handeln.


Was an den „Außengrenzen“ Europas geschieht, wird mit großen Bemühungen ferngehalten.


„Europa hat ein Klima geschaffen, das in letzter Instanz zum Tod von Menschen an seinen Grenzen und innerhalb von Europa führt“, so Arye Wachsmuth. „Decerocide“, der Titel seines Werks, impliziert eine systematische Politik der Darstellung modernen Genozides. Nur ein kleiner QR-Code macht die Besucher*innen auf die Liste der Flüchtlingstoten des Netzwerks UNITED for Intercultural Action (dt. „GEMEINSAM“ für Interkulturelles Handeln“) aufmerksam, die die gemeldeten Todesfälle von mehr als 40.555 Flüchtenden listet, die beim Versuch, nach Europa zu gelangen, ums Leben kamen.


Für eine neue Erinnerungskultur.

Die kritische Auseinandersetzung mit vergangenen und aktuellen Prozessen, die traumatische historische Ereignisse verschweigen und vergessen machen, ist längst überfällig. Das Weltmuseum hat sich der kritischen Aufarbeitung seiner eigenen Sammlungsgeschichte verschrieben. Mit „Stories of Traumatic Pasts“ gelingt es dem Haus einmal mehr Aufmerksamkeit im öffentlichen Raum zu schaffen, für ein Innehalten zu sorgen und ein Bewusstsein für koloniale Vergangenheiten, Gewalt und Vernichtung sowie neue Formen des Erinnerns zu schaffen.


Fotos © Monique Mbeka Phoba


Rezension für das Paulo Freire Zentrum

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